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Vom Hanf in und um Konstanz am Bodensee

Luftbild der Stadt Konstanz
War der Hanf hier früher zuhause, und haben ihn die Bauern auf ihren Feldern oder im Garten hinterm Haus angebaut? Hat man mit seinen Samen gekocht, wertvolles Öl gepresst und die Fasern zu Seilen, Tuch oder Kleidung verarbeitet? Und gab es in Konstanz Geschäfte, in denen Hanf-Erzeugnisse auch für die Städter zu kaufen waren? Machen wir uns beim Schlendern durch die urigen Gassen der Konstanzer Altstadt mit ihren geschichtsträchtigen Häusern oder bei einer Wanderung durch das schöne Hinterland mit Blick auf den Bodensee auf die Suche. Kommen wir dem Hanf auf die Spur.

Das „Haus zur Kunkel“ – Seltene Schätze mittelalterlicher Wandmalerei

In einem unscheinbaren Gässchen in der Niederburg, einem alten Konstanzer Stadtviertel nahe dem Münster werden wir fündig. Heute wird das „Haus zur Kunkel“ unter anderem als Wohnhaus und Restaurant genutzt, aber steigt man in die Stube im 2. Stock, so eröffnet sich dem Besucher eine kleine Schatzkammer mit alten knorrigen Dielen und einer Welt voller Bilder aus längst vergangenen Zeiten. Da dieser Teil der Stadt im 14. Jahrhundert hauptsächlich von Geistlichen bewohnt war, sind die umfangreichen Wandmalereien außergewöhnlich gut erhalten. Uns Hanfinteressierten haben es besonders die fleißig webenden Frauen angetan, die darauf zu sehen sind und auf die besondere Bedeutung der Webkunst damals hinweisen. Denn die Bodenseeregion gehörte seit dem späten 12. Jahrhundert zu den Zentren des Flachs- und Hanfanbaus, und die Stadt Konstanz verdankte der Leinenweberei und dem Handel mit Stoffen ihren Wohlstand. Dem sogenannten „Zyklus der Weberinnen“ hat das Gebäude auch seinen Namen „zur Kunkel“ zu verdanken. Mehrfach ist auf den Malereien der im süddeutschen Raum als „Kunkel“ bezeichnete Spinnrocken dargestellt, ein stabförmiges Holz, an dem beim Spinnen die noch nicht versponnenen Fasern aufgewickelt sind. In mehreren Bilder-Reihen, die unter Konstanz, Das Haus zur Kunkel (uni-konstanz.de) dargestellt und beschrieben werden, lernt der Betrachter die notwendigen Arbeitsschritte und Werkzeuge der Textilproduktion kennen. Auf allen Darstellungen hantieren vornehm gekleidete Weberinnen mit ihren unterschiedlichen Arbeitsgeräten und zeigen, wie aus Hanffasern das Garn zum Spinnen entsteht. Ein Text dazu lässt sie ihr Handwerk sozusagen selbst beschreiben. So „sagt“ beispielsweise eine der Frauen: "R[H?]ANF ICH WOL REITUR B[K?]AN“ – „Hanf kann ich gut bereiten“. Die Schreibfehler sind vermutlich beim mehrmaligen Instandsetzen der Bilder durch mangelnde Kenntnis der mittelhochdeutschen Sprache entstanden.

Hanftuch und Seil auf Holzhintergrund

Vom Hanf zum Leinen

Zuerst wird der Hanf gebrochen, so gelangt man an die Faserbündel in den Stängeln. Mit dem Schwingholz, einem flachen, am Rand leicht angeschärften Brett werden anschließend die Reste der holzigen Teile herausgeschlagen. Die Faserreste entfernt man an der Hechel mit ihren eisernen Zähnen, das sogenannte „Werg“ wird auf den Oberschenkeln liegend glatt gestrichen und anschließend für den Spinnrocken gebündelt. Auf der Handspindel wird das Werg anschließend zu Garn versponnen und der Faden schließlich auf eine Handhaspel gewickelt, um zu verhindern, dass er sich beim Auf- und Abwickeln verwirrt oder verknotet. Mit der Standhaspel, die in einer weiteren Bildreihe dargestellt ist, lässt sich außerdem die Länge der Fäden messen. Die Kettfäden werden „gezettelt“, das heißt auf eine leere Zettelrolle aufgewickelt und anschließend im Webstuhl in Längsrichtung aufgezogen. Die Abbildung eines Trittwebstuhls, bei dem die Kettfäden über Fußtritte abwechselnd gehoben und gesenkt werden können, stellt dabei eine um 1310 noch relativ neue technische Erfindung dar. Im Leinengewerbe arbeiteten in der damaligen Zeit meist Frauen, die oftmals vom Land in die Stadt kamen mit der Hoffnung auf einen Zuverdienst. Mit Einführung der neuen Trittwebstühle entstanden neben der Produktion in den Häusern auch spezialisierte Werkstätten. In Frauenklöstern wurde ebenfalls traditionell gewebt und adligen Damen die Webkunst gegen den Müßiggang empfohlen.

Hanfhandlung David Koch Am Fischmarkt 5
Hanfhandlung David Koch, Am Fischmarkt 5_Bildsignatur: StAKN Z1.wolfH49-4473; Besitznachweis: Stadtarchiv Konstanz

Zeitzeugnisse und Zeitzeugen aus dem letzten Jahrhundert

Recherchiert man in den Ernteberichten und Bodennutzungsstatistiken von 1880-1940, die im Konstanzer Stadtarchiv lagern, taucht die Rubrik „Hanf“ dort zwar auf, enthält jedoch keine Angaben. Hat es in Konstanz etwa doch keinen Hanfanbau gegeben? Denn mit Hanf gehandelt wurde sehr wohl, was Einträge in den Konstanzer Adressbüchern belegen. Dort werden mehrere Hanfhandlungen erwähnt: aus dem Jahr 1894 die Hanfhandlung David Koch am Fischmarkt und im Jahr 1928 eine Hanfhandlung und Hechelei in der Münzgasse, ebenfalls unter dem Namen David Koch, allerdings mit unterschiedlichen Inhabern. Mit vor Ort wachsendem Hanf konnte der Bedarf wohl nicht gedeckt werden. Für das Jahr 1928 ist der Hanf- und Flachsimport Baumert & Co. in der Rheintorgasse und im Jahr 1940 die Hanfhandlung Baumert & Co. mit Hanf-Import in der Hüetlinstraße in den Adressbüchern verzeichnet. Hört man sich im ländlichen Umfeld von Konstanz um, so begegnet einem der Hanf durchaus. Heinrich Fuchs vom Fuchshof bei Dingelsdorf unweit von Konstanz ist sich ziemlich sicher, dass auf dem eigenen Hof früher auch zeitenweise Nutzhanf angebaut wurde. Bilder dazu gibt es keine, denn damals hatte man für einen Fotoapparat kein Geld. Die befragten einheimischen Bauern, die heute in den Achtzigern und Neunzigern sind, erinnern sich leider nicht mehr, aber wenn man in den „Dingelsdorfer Chroniken“ stöbert, wird der Hanf an der einen und anderen Stelle erwähnt. So konnte man im Laden auf dem Dorfplatz alles kaufen: Neben Lebensmitteln, Zucker und Salz, Wolle und Kurzwaren auch Stricke fürs Vieh und Hanf, um aus den Fasern selber Stricke herzustellen. Einen Leinenweber gab es noch 1822 im Dorf. Er war wohl der letzte seiner Zunft, und vermutlich hat er sein Leinen nicht nur aus Flachs, sondern auch aus Hanffasern gewoben. Die Bauernfrauen taten es auf jeden Fall. Nach getaner Arbeit auf dem Acker, im Stall und im Haus nähten und strickten sie für den Eigenbedarf und um das Einkommen aufzubessern, oft aus selbst angebautem Flachs oder Hanf. Im Dorf hat damals jede Familie ihre Landwirtschaft betrieben, auch zusätzlich zu anderem Gewerbe wie der Fischerei, einem Handwerk, der Waldarbeit oder dem Wegebau. Die Bauern besaßen zwischen 3 und 10 ha Land und mussten mit dem Erwirtschafteten das Vieh und die Familie ernähren. Doch es reichte oft nicht aus, denn auch für das wenige Dazugekaufte wie Schuhe und Kleiderstoffe brauchte man Geld.

Dingelsdorfer Oelmuehle    Oele
Die Hauptstraße in Dingelsdorf um 1970: rechts im Bild die Dingelsdorfer „Öle“ Bildnachweis: Archiv Ortsverwaltung Dingelsdorf

„Was me abaued het“ (Was man angebaut hat)

Als Getreide wurden Roggen, Weizen, Hafer, Sommer- und Wintergerste angebaut. Herdepfel (Kartoffeln) „het me viel, viel g’hett“ (hatte man sehr viel), „un Futterriebe für d’Kieh (und Futterrüben für die Kühe), Wiisriebe (Weißrüben), Kraut und Kohl….Flachs für Öl und zum Weben gab es noch in den Jahren vom Krieg, und im Dritten Reich wurde zusätzlich der Anbau von Hanf und Mohn angeordnet. Als „nationaler Rohstoff“ war Hanf plötzlich wieder von großem Interesse, weil man seine Fasern unter anderem zur Herstellung von Uniformen und als Dichtungsstoff benötigte. So stieg die Hanfanbaufläche in Deutschland damals von 3.600 Hektar im Jahr 1935 auf über 20.000 Hektar im Jahr 1940. In Dingelsdorf war der Hanf wohl schwierig anzubauen – und einige „hond widder uffghert“ (haben wieder aufgehört). Ölfrüchte haben im Dorf früher eine wichtige Rolle gespielt, davon zeugte „d‘Öle“, die alte bis 1974 noch erhaltene Dingelsdorfer Ölmühle. In ihr wurde wertvolles Speiseöl aus Mohn,- Nuss,- und Buchecker-Kernen und sicher auch aus Hanf- und Leinsamen gepresst. Hanf und Mohn gingen während des Krieges außerdem auch in die Ölmühle nach Markelfingen am Untersee, zwischen Allensbach und Radolfzell.

Und heute? „Welcome back“ im Landkreis Konstanz

Seit drei Jahren kehrt der Nutzhanf im Landkreis Konstanz wieder auf die Felder zurück. Im Jahr 2021 waren es schon vier Landwirte, die ihn auf gut 10 Hektar Fläche wieder kultivieren. Und die Prognose vom Landwirtschaftsamt ist erfreulich: Der Trend geht weiter nach oben!

Hanffeld mit Blumenwiese

Quellen:
Dr. Bogen, Steffen und Rucker, Birgit: „Das Haus zur Kunkel – Mittelalterliche Wandmalereien in Konstanz“; Kunstverlag Josef Flick, 2016, 1. Auflage
Dingelsdorf – Vom Bauern- und Fischerdorf ins 21. Jahrhundert; Chronik Band 1 und 2; Herausgeber: Ortsverwaltung Konstanz-Dingelsdorf
Stadtarchiv Konstanz

Bildquellen: (c) Shutterstock, Stadtarchiv Konstanz, Archiv Ortsverwaltung Dingelsdorf

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